Ruhrgebiet
Selten aber doch immer mal wieder, empfindet jemand das “Ruhrgebiet für lau”-Konzept, naja, sagen wir mal ausbeuterisch. Ich bin dann im ersten Moment immer etwas geschockt über so einen Vorwurf. Andererseits ist das aber dann doch immer der Moment, in dem ich darüber nachdenken, was ich mit “Ruhrgebiet für lau” eigentlich vermitteln will, warum ich das überhaupt mache. Und ich komme immer wieder zu dem selben Schluß: ich mache es, weil’s mir Spaß macht und weil ich finde, dass ich damit einen wertvollen Beitrag sowohl zu unser aller Freizeit- und Kulturvergnügen, als auch und wenn nur ein Fitzchelchen zur Unterstützung der kulturellen Vielfalt hier im Ruhrgebiet beitrage.
Im Zuge unserer Akquise für die Werbeflächen für den gedruckten Veranstaltungskalender habe ich am Freitag eine relativ empörte Mail zum “Konzept Ruhrgebiet für lau” bekommen habe. Ich zitiere nur zwei Sätze aus dieser Mail “Das geht mir zu sehr in die Richtung, anderer Leute Arbeit “für lau” nutzen zu wollen [...] Aber nur das aufnehmen was “für lau” ist, das halte ich für eine regelrechte Negativauswahl, was die Einstellung Ihrer Leser angeht.” Das macht mich nachdenklich.
Auf den ersten Blick mag es diesen Anschein haben, aber ich werde weiterhin dieses Bild gerade rücken. Bisher ist es mir immer gelungen. Meine Antwort auf diese Mail steht im Grunde als stellvertretende Antwort für ähnliche Fälle. Deshalb veröffentliche ich sie hier und auch weil mich eure Meinung interessiert:
Hallo Herr …,
vielen Dank für Ihre offenen Worte. Gelegentlich, wenn auch sehr selten, und dann auch eher aus etablierten Kreisen der Veranstaltungsszene, wird “Ruhrgebiet für lau” mit ähnlichen Vorwürfen konfrontiert. Ich möchte Ihnen daher gerne meine Sichtweise nahe bringen.“Ruhrgebiet für lau” habe ich vor 2 Jahren als privates Experiment gestartet. Inspiriert dazu wurde ich ein paar Jahre zuvor während meines Studienaufenthaltes in Tokyo. Dort ist mir das Buch “Tokyo for free” in die Hände gefallen. Ein Glücksfall, denn die vielfältigen und interessanten Tipps haben mich zu Orten und Veranstaltungen geführt, die ich sonst vermutlich nie gefunden hätte. Dass das ganze dann auch noch kostenfrei war, war für mich in dieser teuren Stadt ein willkommener Vorteil.
Jahre später habe ich dann “Ruhrgebiet für lau” als Website ins Leben gerufen. Meine Motivation war und ist in erster Linie, den Menschen hier zu zeigen, was hier im Ruhrgebiet im Freizeit- und Kulturbereich alles geboten wird. Zudem sollten die Argumente “Ist ja ganz interessant, aber zu teuer” oder “ich weiß gar nicht, ob mir sowas überhaupt gefällt. dann gebe ich dafür lieber kein Geld aus” nicht greifen können.
Schon nach kurzer Zeit habe ich allerdings festgestellt, dass ich via Mail und Kommentare sehr viel positives Feedback von den Veranstaltern bekomme. Nicht so sehr von den mit großzügigen Marketingbudgets ausgestatteten Veranstaltern, sondern besonders von den eher unbekannten, zum Teil der “freien Szene” zuzuordnenden Künstlern, Musikern, Fotografen, Autoren und Veranstaltern von mit Müh und Not, z.T. selbstfinanzierten und viel Herzblut umgesetzten Events. Bei manchen Veranstaltungen geht am Ende der Hut rum, und glauben Sie mir, auch wenn es heißt “Eintritt frei”, die Leute sind großzügig und geben gerne. Dabei essen sie eine Bratwurst, trinken zwei Bierchen und tragen auch so zur finanziellen Unterstützung bei. Oder es werden bei einer kostenlosen Lesung Bücher verkauft, bei einem Konzert im Anschluss CDs, bei einer Vernissage, das ein oder andere Werk. Wichtig ist aber, dass überhaupt Leute kommen! Und da die finanziellen Mittel oft nicht weit, vielleicht für einen Flyer, reichen, freuen sich viele Veranstalter, dass ihr Event auf “Ruhrgebiet für lau” angekündigt wird. Wenn die sich freuen, freue ich mich auch.
Die Einstellung meiner Leser ist auf gar keinen Fall so eindimensional, wie Sie das befürchten. Von denen, die ich kenne, weiß ich, dass sie die kostenlose Angebote gerne nutzen weil: sie sich freuen, mal eine ungewöhnliche Theateraufführung zu sehen, oder weil sie mal die Gelegenheit bekommen “für lau” in einen Tanzworkshop zu schnuppern und zu sehen, ob es ihnen gefällt, oder weil sie Kinder haben und mal nicht knapp 100 Euro am Wochenende für Freizeitvergnügen ausgeben wollen und natürlich auch, weil der ein oder andere mal gerade nichts auf der Tasche hat und froh ist, dass er überhaupt am kulturellen Leben teilnehmen kann.
Meine Leser geben gleichzeitig auch Geld aus, um mit ihren Kindern ins Phantasialand zu fahren, Karten für die “Atze Schröder Show” zu kaufen, einen Theaterabo zu besitzen, Konzerte in der Grugahalle zu besuchen…
Im Übrigen mache ich “Ruhrgebiet für lau” auch für lau. Das was über die Anzeigen auf der Website hereinkommt macht, wenn’s gut läuft, gerade mal 1 (!) regulären Stundensatz aus. Und sie können sich bestimmt vorstellen, dass ich für so eine Website doch gewiss etwas mehr Zeit investiere
Andere Leute können meine Arbeit für lau nutzen! Gerne, denn so ist es gedacht und ich mache das freiwillig. Ehrlich
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Abgesehen von alledem. Veranstaltungskalender gibt es jede Menge und auch gerade hier im Ruhrgebiet. Aber es gibt keinen, so denke ich, der auch in die Förderung der freien Szene und der kulturellen Vielfalt im Ruhrgebiet im Fokus hat. Und scheinbar freuen sich auch unsere Leser darauf: http://www.ruhrgebiet-fuer-lau.de/ruhrgebiet-fuer-lau-goes-print/
Ankündigungen für die 100ste Schicki-Micki-Party im Ruhrgebiet gibt es zuhauf. Bei uns gibt’s die Erweiterung des eigenen Tellerrands und das für lau.In diesem Sinne empfehle ich Ihnen für heute die Eröffnungsfeier der Eichbaum Opernbauhütte auf der Linie der U18 zwischen Essen und Mülheim.
Wir haben keinen Förderer und Gönner, der uns den Rücken stärkt und uns finanziell unter die Arme greift. Wir machen “Ruhrgebiet für lau” weil wir von den positiven Effekten sowohl bei den Besuchern, als auch bei den Veranstaltern überzeugt sind. Wir wollen diesen Veranstaltungskalender, weil wir finden, dass er wichtig ist. Wir wollen das Projekt “Veranstaltungskalender Ruhrgebiet für lau” durchziehen, auch wenn wir dabei in die eigene Tasche greifen müssen. Für Unterstützung in Form von Werbeanzeigen sind wir aber in jedem Fall sehr dankbar. Es ist im übertragenen Sinne der Hut, den wir herumreichen. Für Sie eine Chance, aufgeschlossene, kulturell interessierte Leser zu erreichen.
In Kürze bin ich wieder in Ihrem Haus und wenn ich Ihnen über den Weg laufe, freue ich mich auf ein offenes Gespräch.
Herzliche Grüße,
Klaudia Pirc-Pätzoldt
Also, wie seht ihr das? Egal ob Leser, Besucher, Veranstalter… Eure Meinung ist herzlich willkommen.
"Ruhrgebiet für lau" Termine für iCalender abonnieren
Oh man, das sind ja Vorwürfe. Das droht “Düsseldorf für lau” dann ja bestimmt auch bald.
Also, ich sehe das alles natürlich so wie Du, so ist ja unsere Idee dabei.
Es geht ja auf keinen Fall um “ich will alles billig und umsonst”. So hab ich nie gedacht und ich gehe selber auch in Konzerte und Ausstellungen, wo ich Eintritt zahlen muß…
Hallo Chikatze,
wir brauchen den Gegenwind nicht zu fürchten. Wir haben schließlich genügend gute Argumente
Mir ist es unverständlich, dass man Ruhrgebiet für Lau angreift. Ich denke aber eher, dass es reine Unwissenheit war. Die hast du mit deiner Email nun vollkommen ausgemerzt. Ich denke dazu vor allem beigetragen haben, dass du betont hast, dass du es schließlich auch für lau machst!
Solchen Leuten sollte man einfach in einer schönen Geschenkpackung die erste Print Ausgabe zukommen lassen. Das weckt auf.
@Julia: Kritik ist ja von mir erwünscht, denn es bringt mich ja dazu wie man so schön sagt “das Profil zu schärfen”. Ich glaube auch, dass es sich um eine Art Unwissenheit oder um eine Art Vorsichtsmaßnahme handelt nach dem Motto “Iih, für lau. Das hört sich ja billig an. Wir stehen doch für Qualität! Und da soll keiner auf falsche Gedanken kommen.” Diesen ersten Impuls kann ich nachvollziehen. Aber ich weiß ja, dass es anders ist
Deine Idee mit der schön verpackten ersten Printausgabe finde ich sehr gut! Danke!
Seltsam, das es immer wieder Leute gibt die meinen man habe einen niederen Charakter nur weil man nicht immer Mainstreamig unterwegs ist. Ich für meinen Teil, find das mühsam immer und immer wieder zu rechtfertigen!
Warum geben soviele Leute Geld für unnützes Zeug aus? Warum geht das keinen aufn Keks?
Ich möchte mein Geld da lassen wo ich davon überzeugt bin dass es das wert war, und wenn ich Kulturveranstaltungen für lau besuchen kann werde ich dort im nachhinein auch mein Geld für lassen, so wie Klaudia das auch beschrieben hat.
Also wo zum Himmel kommt dieses Unverständnis her?
Toll, das du so eine ausdauernde Geduld hast das den einen und anderen immer mal wieder vorzukauen, mein vollsten Respekt dafür!
Im übrigen hab ich dich was für dich, kannst du hier bewundern:
http://nenya.twoday.net/stories/5207279/
Lieben Gruß,
Nenya
@Nenya: “Warum geben soviele Leute Geld für unnützes Zeug aus? Warum geht das keinen aufn Keks?” Ja, sehr gute Frage!
Manchmal wirft man ja auch gerne alle in einen Topf. Die Kritik an “für lau” ist ja auch an die Besucher gerichtet. In dem Sinne, dass es eine stark ausgeprägte Mitnahmementalität gibt. Jeder versucht bezogen auf den Alltag soviel wie möglich für lau zu erhaschen. Klar gibt es so Leute, aber es gibt doch mehr bei denen das Geben und Nehmen deutlich ausgewogener ist. Zumindest bei meinen Lesern hier bin ich davon überzeugt.
Danke nochmal für deine sehr nette Erwähnung von “Ruhrgebiet für lau” auf deinem Blog - “I love your Blog”
Liebe Klaudia
ich begrüsse Dein Engagement und sehe den Erfolg Deines Konzepts. :o) Schön!
Ich bin zufällig über Deine Website gestolpert auf der Suche nach interessanten und kulturellen Zielen für mich und meine Kinder(7 und 9 Jahre). Und es haben mich diverse Veranstaltungen angesprochen, die ich auch besuchen werde. Letztendlich ist kostenlos nicht der entscheidende Faktor. Die Veranstaltungen eröffnen eine weitere Facette im Umfeld und bieten einen kurzen Halt im Tagesablauf.
Klar würden meine Kids auch gerne CATS in Köln sehen, aber im Gegensatz zu den Kritikern sind 200-300 Euro bei mir für einen sicher wunderschönen Abend einfach nicht drin. Und ehrlicherweise möchte ich meinen Kindern nicht nur einmal im Jahr zu Weihnachten etwas Kultur schenken.
Mach weiter so, lass Dich nicht entmutigen und VIEL ERFOLG!
Chris
Hallo Chris,
vielen Dank für deinen unterstützenden Kommentar und deine netten Worte
Es freut mich, dass du hier interessante Veranstaltungen findest. Ich würde gerne noch viel mehr schöne Tipps, die besonders für Kinder interessant sind, veröffentlichen. Irgendwie ist das aber gar nicht so einfach. wenn ihr mal was tolles, kostenloses hier im Ruhrgebiet erlebt freue ich mich auf einen Hinweis.
Liebe Grüße, Klaudia
… und bei der ganzen Sache wird vergessen aus welchem Grundgedanken das Internet bzw. WWW entstanden ist: Wissensaustausch!
Der Kommerzgedanke kam leider erst viel später dazu.
Auch wird vergessen das viele Künstler (egal welcher Art) am Anfang zum Teil vor ganz kleinem Publikum für lau aufgetreten sind. In diesem Sinne ist das auch eine Art von Nachwuchsförderung.
Ich find die Idee absolut Klasse!
Grüße aus OB, Yogi